alleinerziehend, Familie

Ein Kindergartenkind in Quarantäne

Es ist Herbst geworden und nach dem wir den Lockdown im Frühjahr 2020 als Familie mit drei Kindern Zuhause gut überstanden haben, das „Homeschooling“ gerockt und unser Vorschulkind mit Gartenprojekten gut beschäftigen konnten (natürlich alles mit Homeoffice im Hintergrund), sitzen wir nun an einem grauen Regentag Zuhause mit der Nachricht, dass unser Fünfjähriger in Quarantäne muss. Alleine! Denn die Quarantäne gilt laut Papier nur für ihn und nicht für die Eltern oder die Geschwister!

VON HEUTE AUF MORGEN

Der Kindergarten ist geschlossen und wir stehen vor einen organisatorischen Chaos. Niemand weiß was Genaues und erstmal ist die Panik der Eltern zu spüren, was das für ihre Familien, für ihre Arbeitgeber und die Gemeinschaft bedeutet. Ich bin den ganzen Morgen damit beschäftigt, mit der Kita, dem Träger und meinem Chef zu telefonieren, während mein Sohn meine Unruhe spürt und sie lautstark meinen Gesprächspartnern um die Ohren haut.

Ich schreibe gleichzeitig Arbeitsanweisungen und Arbeitspläne für meine Vertretung und leite sie weiter, während wieder mein Internet lahmgelegt wird und ich im Hinterkopf habe, dass mein Kühlschrank glänzend leer ist, weil ich erst heute nach der Arbeit meinen Großeinkauf geplant hatte. Nun, mit Kind in Quarantäne nicht möglich! Es kommt noch dazu, dass ich ja alleinerziehend bin und mich um diese alltäglichen Dinge alleine kümmere. Also improvisiere ich ein Mittagessen für die Großen, während ich das Telefon gefühlt an mich dran geklebt fühle, denn ich muss für berufliche Absprachen, Infos der Kita und dem erwarteten Anruf des Gesundheitsamtes erreichbar sein.

QUARANTÄNE – WAS BEDEUTET DAS?

Am späten Nachmittag werde ich von einer Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes instruiert: Mein Jüngster ist in Quarantäne und darf auch bei einer negativen Testung nicht vorzeitig aus der Quarantäne raus, denn er könnte ja immer noch Symptome entwickeln. Was bedeutet das konkret?

  • Er soll sich von den Personen im Haushalt wenn möglich fern halten mit Abstand, um seine Geschwister und mich nicht zu gefährden.
  • Er soll das Haus nicht verlassen und wenn, dann nur in den Garten gehen. Dort darf sich allerdings dann sonst niemand aufhalten.
  • Wir dürfen keinen Besuch erhalten.
  • Er soll nicht von den Großeltern oder von Personen aus Risikogruppen betreut werden!
  • Eine Testung für den Folgetag steht an!

Soweit die offizielle Anordnung! Aber was bedeutet das für einen Haushalt mit zwei weiteren Kindern in der Schule und einer alleinerziehenden Mama im Schuldienst?

Wir leben hier sehr „nah“ miteinander und auch die Brüder gehen bedürfnisorientiert miteinander um. So schläft der Kleine im Bett seines älteren Bruders, immer eng an ihn gekuschelt am besten. Wenn ich kurz einkaufen muss (der Großeinkauf entfällt erstmal), passt der Teenager auf Noah auf. Beim Spielen und Raufen (das MUSS bei Jungs wohl immer so sein), hängen sie aufeinander und ineinander verkeilt wie ein Wollknäuel. Natürlich haben wir ein ernstes Wort zum Thema, aber kurze Zeit später beißt der eine schon in das Brot des anderen. Ich komme nicht hinterher mit Ermahnungen und befinde mich in einer Situation wieder, die ich überhaupt nicht mag: Die nörgelnde, schimpfende Mutter, der alle Anweisungen im Kopf herum schwirren!

BETREUUNGS-CHAOS

Und dann die Sache mit der BETREUUNG! Sonst ist es im Alltag so, dass an langen Arbeitstagen, meine Eltern für die Kinder da sind. Die Großeltern sind für meine Söhne unglaublich wertvolle Bezugspersonen. Nicht nur, weil Opa das Lieblingsessen der Kinder kocht, Fahrräder repariert oder mit Mathe hilft, sondern auch, weil Oma in der Zeit bei uns die beste Zuhörerin ist und nebenbei auch noch eine Fee im Garten oder Haushalt. Wir fühlen uns alle an den Oma-Opa-Tagen genährt und unterstützt. Schon im Frühjahr war es deshalb schwer für die Kinder, dass wir auf direkten Kontakt verzichtet und uns sogar bis nach den Ferien nur im Freien getroffen haben. Denn Opa gehört zur Risikogruppe und wir wollten kein Risiko eingehen! So auch JETZT nicht! Das heißt, die Großeltern von meiner Seite fallen für die Betreuung aus und auch meine Ex-Schwiegermutter, denn auch sie hat ein erhöhtes Risiko.

Bleibt noch der Vater, denn immerhin haben wir ja das geteilte Sorgerecht und somit auch die gemeinsame Sorge zu tragen, unseren Sohn gut zu betreuen. Aber er ist selbständig und hatte in Zeiten des Lockdown große Einbußen. Er ist beruflich quasi die nächsten Wochen non-stop eingebunden um das wieder auszugleichen.

Deshalb entscheiden wir uns dafür, nach einem Familienrat mit allen Beteiligten, dass ich die Betreuung von N. übernehmen werde. Das Gesundheitsamt informiert mich darüber, dass das Wirtschaftsministerium einen möglichen Verdienstausfall nach Antrag des Arbeitgebers ausgleicht.

EMOTIONEN – GROß & KLEIN

Aber diese Entscheidung belastet mich! Denn ich weiß, was es bedeutet, auf der Arbeit auszufallen, wenn ich meinen KollegenINNEN mehr Arbeit zumuten muss. Ich werde auf jeden Fall von Zuhause im Homeoffice so viel es geht kompensieren. Das ist mein eigener Anspruch.

Gleichzeitig ist da die Verantwortung für mein Kind. Er braucht mehr als nur Betreuung, denn ich spüre, dass ihn die Situation sehr belastet. N. möchte hier emotional aufgefangen werden.

Wenn man fünf Jahre alt ist, dann scheint es von Außen erstmal so, als würde das Kind einfach alles hinnehmen, was entschieden wird. Aber ich merke, wie angespannt mein Sohn wirkt, sehr nervös ist und sich nicht auf sein Spiel konzentrieren kann. Er lenkt sich ab und putzt mit mir zusammen die Fenster, trennt den Müll und räumt sein Zimmer auf mit großem Elan. Er betont dabei immer, wie „wichtig er doch sei“ und dass er mir helfen würde. Er sei „keine Last“! Er spürt, dass mich die Situation, das Organisieren belastet, obwohl ich es nicht offen zeige. Mich bedrückt es, ihn so zu sehen.

Er merkt sehr schnell, dass es neue Regelungen im Alltag gibt und ich erkläre ihm Kind gerecht, warum er nicht in den Kindergarten kann und was Quarantäne bedeutet. Er hat viele Gedanken und Fragen dazu. Es macht ihn traurig, dass „wegen ihm“ nun die Brüder keinen Besuch von Freunden haben dürfen, dass Mama nicht arbeiten gehen kann. Er fühlt sich „eingesperrt“, da wir sonst täglich draußen mit dem Fahrrad unterwegs sind. Fast schon scheint es so, als würde er sich all die Last der Gesellschaft wegen Corona auf seine Schultern laden, wenn er seufzt und dann die nächste Frage zum Thema stellt. N. erzählt im Spiel immer wieder fiktiven Gestalten, dass er kein Corona hätte. Er telefoniert mit den Großeltern und meinem Partner, er erklärt ihnen, dass sie nicht kommen könnten, weil er ja in Quarantäne sei – 2 endlose Wochen lang. Er möchte damit zeigen, wie vernünftig er ist. Dabei sind seine Augen ganz groß und ich sehe die Traurigkeit und Sehnsucht nach diesen geliebten Menschen darin.

Deshalb ist es besonders wichtig, dass eine enge Bezugsperson für die Kindergartenkinder da ist, die alle diese Gefühle annehmen kann und das Kind darin liebevoll begleitet durch diese Phasen zu gehen. Ich bestärke meinen Mini darin, dass er als Mensch vollkommen in Ordnung ist und diese Maßnahmen nichts mit ihm zu tun haben. Wir navigieren zusammen durch seine widersprüchlichen Emotionen und planen gemeinsam unsere Zeit für die nächsten 2 Wochen. Wir wollen ein Projekt zum Herbst starten und uns in Geschichten und kreativ der Jahreszeit widmen. Heute vor der Testung wurde schon gelesen und gemalt. Heute Mittag wollen wir im Garten bunte Blätter sammeln. Was wir daraus machen, berichte ich vielleicht im nächsten Artikel…

Und der Test? Den hat mein Sohn heute easy gemeistert. Es war toll für ihn, ein paar der Kinder aus seiner Gruppe von der Ferne zu sehen und zu merken, er ist nicht alleine damit. Außerdem hat er jetzt etwas zu erzählen, denn die Brüder sind schon ganz neugierig darauf, was der Kleine vom Test berichten wird, denn bis jetzt ist er das erste Kind in der Familie, das diese Erfahrung gemacht hat.

Wie geht es euch mit Quarantäne und Kindern? Berichtet doch mal und hinterlasst uns einen Kommentar!

Herzlichst, eure Kirsten

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